Lottes zauberhafter Schultag
10 Seiten · 10 Min. · ab 6 Jahren
Nach: Original (Einschulung / first day of school)


Der Mond blinzelte durch die Vorhänge und warf ein sanftes Licht auf Lottes Bett. Lotte drückte Herrn Hoppel, ihren Stoffhasen mit den Schlappohren, ganz fest an sich. Morgen war ihr allererster Tag in der großen Schule, und kleine, aufgeregte Sorgen schwirrten durch ihren Kopf. „Was ist, wenn es im Klassenzimmer zu laut ist oder die großen Kinder unheimlich sind?“, flüsterte sie in Herrn Hoppels Plüschohr. In der Zimmerecke stand ihre glänzende Schultüte, fest zugebunden mit einer leuchtend gelben Schleife. Sie stand groß und still im Halbdunkel und hütete wundervolle Geheimnisse.

Am Frühstückstisch kribbelten in Lottes Bauch lauter kleine Schmetterlinge. Ihre Mama goss warme Milch ein, während ihr Papa vorsichtig die bunte Schultüte neben ihren Stuhl stellte. Sie war mit knisterndem Papier und einer seidigen Schleife verschlossen und wartete geduldig auf den Nachmittag. „Denk daran, mein Schatz, die Schultüte bleibt zu, bis die Schule vorbei ist“, sagte ihre Mama mit einem warmen Lächeln. Lotte berührte das glänzende Papier mit einem Finger und überlegte, welche Schätze sich wohl darin versteckten. Gab es da drin Zauberstifte, süße Leckereien oder vielleicht ein kleines Notizheft unter der Schleife?

Die Morgensonne schien hell, als Lotte mit ihren Eltern den Bürgersteig entlangging. Ihre bunte Schultüte war fast so groß wie sie selbst, und ihre Arme wurden langsam müde vom vorsichtigen Tragen. Plötzlich sah sie Emil, ihren Nachbarsjungen von nebenan, der mit seiner Mama ging. Emil hielt eine leuchtend blaue Schultüte mit beiden Händen fest und blickte auf seine neuen, blitzblanken Schuhe hinab. Seine Schultern waren ein wenig hochgezogen, und er sah genauso aufgeregt aus, wie Lotte sich tief im Inneren fühlte. Lotte winkte ihm von der anderen Straßenseite aus freundlich zu.

Auf dem Schulhof herrschte fröhliches Stimmengewirr und Lachen, und überall leuchtete ein ganzes Meer aus bunten Schultüten. So viele große Jungen und Mädchen flitzten über die bemalten Spielfelder auf dem Boden. Lotte trat näher an Emil heran, dessen Augen voller Staunen und Sorge waren. „Bist du auch so aufgeregt?“, fragte Lotte leise über den Trubel des Schulhofs hinweg. Emil nickte schnell und flüsterte: „Ein bisschen.“ Lotte lächelte und stupste ihn sanft mit dem Ellenbogen an. „Lass uns zusammen mutig sein“, sagte sie, und plötzlich fühlte sich der große Schulhof gar nicht mehr so riesig an.

Im Klassenzimmer duftete es nach frischem Holz, süßlicher Kreide und neuem Papier. Ihre liebe Lehrerin, Frau Berg, stand an der offenen Tür und begrüßte jedes Kind herzlich mit seinem Vornamen. Lotte freute sich riesig, als sie einen Holztisch mit ihrem Namensschild direkt neben Emils Platz entdeckte. Hinten an der Wand stellten alle Kinder ihre bunten Schultüten in einer Reihe auf. An die Holzregale gelehnt, sahen die Tüten wie ein riesiger, schimmernder Regenbogen aus. Lotte setzte sich stolz hin und bemerkte, dass das Kribbeln in ihrem Bauch völlig verschwunden war.

Frau Berg lächelte der Klasse warm zu und nahm ein Stück leuchtend gelbe Kreide. Sie drehte sich zur Tafel und malte einen langen, geraden Strich mit einem kurzen Stiefelchen unten dran. „Wer kennt diesen freundlichen Buchstaben?“, fragte Frau Berg fröhlich. Lottes Augen wurden vor lauter Begeisterung ganz groß, und sie streckte ihren Arm kerzengerade in die Luft. „Das ist ein L, genau wie in meinem Namen, Lotte!“, rief sie stolz. Lotte lächelte glücklich vor sich hin, denn sie spürte: Die Schule war schon jetzt voller Dinge, die zu ihr gehörten.

Als die Schulglocke endlich läutete, eilte Lotte nach Hause auf ihren Wohnzimmerteppich. Herr Hoppel saß schon geduldig auf dem Sofa und wartete, während Lotte das herrliche goldene Band ihrer Schultüte aufknotete. Mit einem freudigen Seufzen zog sie vorsichtig drei funkelnde Sternenstifte, ein fröhliches rotes Notizheft und eine winzige Messingglocke heraus. Ganz unten lag eine kleine Tüte mit knusprigen Keksen in Möhrenform. „Schau mal, Herr Hoppel, die sind ganz allein für dich!“, kicherte Lotte und legte die Leckereien neben ihren treuen Kuschelhasen. Die Schultüte auszupacken war reine Zauberei.

Am sonnigen Nachmittag rief Emil über den hölzernen Gartenzaun. Er hielt einen glänzenden Bogen mit Löwen- und Elefantenstickern hoch, die aus seiner blauen Schultüte stammten. Lotte lief nach draußen und hielt einen ihrer brandneuen Sternenstifte in der Hand. „Möchtest du tauschen?“, fragte Emil mit einem hoffnungsvollen Grinsen und beugte sich über den Zaun. Lotte gab ihm gern ihren Stift im Tausch gegen zwei goldene Tiersticker. Ihre besonderen Schätze vom ersten Schultag mit einem guten Freund zu teilen, fühlte sich noch viel besser an, als sie ganz allein in ihrem Zimmer aufzubewahren.

Beim Abendessen duftete die ganze Küche herrlich nach warmer Gemüsesuppe. Lotte konnte kaum aufhören zu erzählen, während Mama und Papa mit einem breiten, glücklichen Lächeln zuhörten. Sie berichtete von Frau Berg, davon, wie sie neben Emil saß, und wie sie das große L an der Tafel erkannt hatte. In der Ecke des Esszimmers stand ihre leere Schultüte kopfüber auf der Holzkommode. Lotte hatte sie Herrn Hoppel behutsam wie einen spitzen Zaubererhut über die langen Ohren gestülpt. Herr Hoppel sah aus wie der weiseste Hase im ganzen Königreich.

Als es Zeit zum Schlafen war, kuschelte sich Lotte ohne eine einzige Sorge unter ihre gemütliche Bettdecke. Sanftes, silbernes Mondlicht fiel durch das Fenster und schien direkt auf ihren Nachttisch. Dort lag ihr liebstes neues Bild: ein leuchtend gelbes L, verziert mit zwei goldenen Löwenstickern. Herr Hoppel schmiegte sich eng an ihre Schulter und trug ein zufriedenes Plüschlächeln im friedlichen Schlafzimmer. Lotte schloss ihre schweren Augen und fühlte sich geborgen, glücklich und unendlich stolz. Morgen war schon Schultag Nummer zwei – und sie konnte es kaum erwarten, bis die Sonne wieder aufging.