Wassilissa und die tanzende Flamme

15 Seiten · 10 Min. · ab 6 Jahren

Nach: Russian Folk Tale

Wassilissa und die tanzende FlammeWassilissa und die tanzende Flamme – Bild 1

Es war einmal ein liebes Mädchen namens Wassilissa. Sie wohnte in einem gemütlichen Häuschen am Rande eines großen Waldes. Bevor ihre Mutter starb, schenkte sie Wassilissa eine winzige Holzpuppe mit einem fröhlich bemalten Lächeln. „Behalte diese Puppe immer in deiner Tasche und teile dein Brot mit ihr“, flüsterte die Mutter ganz leise. Wann immer Wassilissa sich einsam fühlte, wackelte die Puppe mit ihren hölzernen Fingerchen und leuchtete ganz warm und tröstlich. Sie war eine geheime Freundin, die versprach, ihr durch jeden dunklen oder schweren Tag zu helfen. Wassilissa passte gut auf die Puppe auf und vergaß niemals die liebevollen Worte ihrer Mutter.

Wassilissa und die tanzende Flamme – Bild 2

Wassilissa lebte mit zwei Stiefschwestern zusammen. Diese waren sehr herrisch und ließen Wassilissa oft die ganze Hausarbeit alleine machen. Eines kalten Abends flackerte das Feuer im Herd und ging mit einem kleinen Püffchen aus grauem Rauch aus. Im Haus wurde es bitterkalt und die Schwestern zitterten unter ihren dicken Wolldecken. „Wassilissa, du musst in den großen Wald gehen und die Baba Jaga finden“, befahl die älteste Schwester. Sie brauchten eine neue Flamme, um ihre Kerzen anzuzünden und ihre kalten Zehen zu wärmen. Wassilissa holte tief Luft, streichelte die Puppe in ihrer Tasche und trat hinaus in die stille Dämmerung.

Wassilissa und die tanzende Flamme – Bild 3

Der große Wald war voller hoher, flüsternder Bäume, die bis zu den Sternen zu reichen schienen. Wassilissa fühlte sich zwischen den langen Schatten ganz klein, aber sie dachte daran, ihrer Puppe ein Stückchen Honigbrot zu geben. Plötzlich funkelten die Glasaugen der Puppe und sie zeigte mit einer winzigen Hand auf einen schmalen, verschlungenen Pfad. Wassilissa folgte dem Weg und lauschte den Eulen, die in den Zweigen leise Lieder sangen. Sie kehrte nicht um, auch als die Nachtluft kühl wurde und der Wind durch die Blätter pfiff. Ihr Herz klopfte schnell wie eine kleine Trommel, aber sie ging mutig und entschlossen immer weiter.

Wassilissa und die tanzende Flamme – Bild 4

Als der Mond hoch am Himmel stand, erreichte Wassilissa eine Lichtung. Dort sah es aus, als würden die Bäume im Kreis tanzen. In der Mitte stand ein Haus, wie sie es noch nie zuvor in ihrem Leben gesehen hatte. Es thronte auf zwei riesigen, gelben Hühnerbeinen, die hin und her hüpften, wenn der Herbstwind wehte. Die Fenster sahen aus wie große, neugierige Augen und die Haustür ähnelte einem breiten, freundlichen Lachen. Wassilissa merkte, dass dies das Haus der berühmten und schrulligen Baba Jaga war. Sie nahm all ihren Mut zusammen, stieg die knarrenden Holzstufen hinauf und klopfte ganz leise an die Tür.

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Die Tür schwang auf und die Baba Jaga trat heraus. Sie trug einen Hut aus grünem Moos und einen Mantel aus vielen bunten Farben. Sie war gar nicht gruselig, sah aber sehr ungewöhnlich aus mit ihrem wilden, silbernen Haar und einer Nase, die so lang wie eine Karotte war. „Wer kommt zu meinem tanzenden Haus und sucht eine Flamme?“, fragte die alte Frau mit einem krächzenden, aber lustigen Lachen. Wassilissa stand ganz gerade da und erklärte, dass ihr Herd zu Hause kalt und dunkel sei. Die Baba Jaga nickte langsam. Sie sagte, sie würde helfen, aber nur, wenn Wassilissa einige zauberhafte Aufgaben erledigte. Wassilissa stimmte zu, denn sie wusste, dass ihre kleine Puppe an ihrer Seite bleiben würde.

Wassilissa und die tanzende Flamme – Bild 6

Für die erste Aufgabe zeigte die Baba Jaga auf einen riesigen Haufen winziger Mohnsamen, die mit Sand vermischt waren. „Sortiere sie bis zum Sonnenaufgang, sonst bekommst du kein Feuer für deine Schwestern“, sagte die alte Frau. Wassilissa blickte auf den Berg aus Samen und machte sich einen Moment lang Sorgen über diese schwere Arbeit. Sie holte ihre Puppe heraus, teilte ein Stück Käse mit ihr und flüsterte ihrem hölzernen Freund ihre Sorgen zu. Die Puppe zwinkerte ihr zu und sagte Wassilissa, sie solle die Augen schließen und ein Schläfchen machen. Während Wassilissa schlief, bewegten sich die winzigen Hände der Puppe schneller als die Flügel eines Kolibris, um die Arbeit zu beenden.

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Als die Sonne durch das Fenster blinzelte, wachte Wassilissa auf und fand zwei perfekte, ordentliche Haufen auf dem Boden. Ein Haufen war dunkel und glänzte von den Mohnsamen, der andere war ein Berg aus goldenem, funkelndem Sand. Die Baba Jaga kam herein und stieß mit ihrem Holzstab in die Haufen. Sie sah sehr überrascht aus. „Du bist ein schlaues Mädchen, wenn du so eine mühsame Arbeit so schnell erledigst“, bemerkte die alte Frau. Sie wusste nichts von der Zauberpuppe, aber sie konnte das Licht der Entschlossenheit in Wassilissas Augen sehen. Wassilissa lächelte, denn sie spürte, wie eine neue Kraft in ihrem Herzen wuchs.

Wassilissa und die tanzende Flamme – Bild 8

Die zweite Aufgabe war es, das ganze Haus zu putzen. Das war eine echte Herausforderung, weil das Haus so gerne hüpfte! Jedes Mal, wenn die Hühnerbeine sprangen, flogen die Wollmäuse durch die Luft und landeten an neuen Stellen. Wassilissa nahm einen Besen, aber der Boden schien zu wackeln und unter ihren Füßen zu kichern wie ein kitzliger Welpe. Wieder gab sie ihrer Puppe ein Stückchen Apfel und bat um ein wenig magische Hilfe. Die Puppe begann eine Melodie zu summen, die den Staub dazu brachte, sich ganz von allein zu ordentlichen kleinen Bällen zusammenzurollen. Gemeinsam brachten sie jede Ecke des wunderlichen Hauses zum Funkeln, genau wie ein Diamant in der Sonne.

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Die Baba Jaga kehrte zurück und fand ihr Haus so sauber wie seit über hundert Jahren nicht mehr. Sie war so zufrieden, dass sie einen kleinen Freudentanz machte, und das Haus hüpfte vergnügt mit ihr mit. „Du hast eine ruhige Hand und eine geduldige Seele, Wassilissa“, sagte die Baba Jaga mit einem breiten Lächeln. Für die letzte Aufgabe sollte Wassilissa ein großes Festmahl kochen, aber nur mit Wildbeeren und Waldkräutern. Es klang schwierig, aus so einfachen Dingen ein Festessen zu machen, aber Wassilissa war bereit. Sie wusste nun, dass Mutigsein bedeutet, sein Bestes zu geben, auch wenn die Dinge sehr kompliziert erscheinen.

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In der Küche glänzten die Töpfe und Pfannen aus poliertem Kupfer und spiegelten den warmen Feuerschein wider. Wassilissa und ihre Puppe arbeiteten zusammen, um die Schätze aus dem Wald zu rühren, zu würzen und zu backen. Sie machten einen Beerenkuchen, der nach Sommer duftete, und eine Suppe, die wie eine warme Umarmung schmeckte. Die Puppe gab eine Prise Zauberstaub hinzu, wodurch das Essen ganz sanft und einladend leuchtete. Als der Mond hoch am Himmel stand, war der Tisch mit einer herrlichen Mahlzeit gedeckt. Wassilissa war stolz auf das, was sie an diesem seltsamen und magischen Ort geschafft hatte.

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Die Baba Jaga setzte sich und aß, bis sie ganz satt und glücklich über das köstliche Essen war. „Ich habe viele Menschen geprüft, aber nur wenige sind so fleißig und mutig wie du“, sagte sie zu Wassilissa. Die alte Frau merkte, dass Wassilissa nicht nur ihre Aufgaben erledigte, sondern auch zu jedem sehr freundlich war. Die Baba Jaga griff in einen hohen Schrank und holte eine wunderschöne Laterne aus blauem Glas hervor. In der Laterne tanzte und wirbelte eine goldene Flamme, die niemals ausging. „Nimm dieses Geschenk“, sagte die Baba Jaga, „denn du hast dir das magische Feuer verdient.“

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Wassilissa bedankte sich bei der schrulligen alten Frau und klemmte sich die Laterne sicher unter den Arm. Als sie gehen wollte, beugte sich die Baba Jaga zu ihr und flüsterte ihr ein Geheimnis über die Zauberpuppe zu. „Die Puppe hilft denen, die mutig genug sind zu fragen, aber die wahre Kraft war schon immer in dir selbst“, sagte sie. Wassilissa verstand nun, dass das Geschenk ihrer Mutter mehr als nur Zauberei war; es war eine Erinnerung, sich selbst zu vertrauen. Mit der Laterne, die ihr den Weg leuchtete, wirkte der Wald gar nicht mehr dunkel oder unheimlich. Sie ging mit erhobenem Haupt durch die Bäume und fühlte sich wie eine echte Heldin des Waldes.

Wassilissa und die tanzende Flamme – Bild 13

Als Wassilissa nach Hause kam, warteten ihre herrischen Stiefschwestern am kalten Kamin und sahen sehr mürrisch aus. Aber sobald Wassilissa eintrat, erfüllte die goldene Laterne den Raum mit einer magischen, gemütlichen Wärme. Die Stiefschwestern staunten so sehr über das schöne Licht, dass sie vergaßen, herrisch zu sein, und Wassilissa fest umarmten. Das Feuer im Herd erwachte prasselnd zu neuem Leben und das Haus fühlte sich so glücklich an wie seit vielen Jahren nicht mehr. Wassilissa erzählte die Geschichten von dem Haus auf Hühnerbeinen und der Frau mit dem Mooshut. Ihre Familie hörte staunend zu und merkte, wie sehr Wassilissa auf ihrer Reise gewachsen war.

Wassilissa und die tanzende Flamme – Bild 14

Die Nachricht von Wassilissas Mut verbreitete sich im ganzen Dorf und jeder wollte die magische Laterne sehen. Sogar die Baba Jaga entschied, dass sie es leid war, alleine im Wald mit nur ihrem hüpfenden Haus zu leben. Sie zog mit ihrem Haus an den Rand des Dorfes, wo die Hühnerbeine sich auf einer Wiese voller Gänseblümchen ausruhen konnten. Die Dorfbewohner lernten bald, dass die Baba Jaga eine wunderbare Heilerin war, die die Geheimnisse jedes Blattes kannte. Sie wurde ein beliebtes Mitglied der Gemeinschaft und man sah sie oft mit ihrem Mooshut, wie sie Pfefferminztee trank. Alle freuten sich, eine so kluge und drollige Nachbarin zu haben.

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Wassilissa und ihre Familie besuchten oft das wunderliche Haus der Baba Jaga, um Geschichten und frischen Beerenkuchen zu teilen. Die Zauberpuppe wohnte immer noch in Wassilissas Tasche, aber jetzt genoss sie meistens nur die Sonne und ein paar süße Brotkrümel. Wassilissa wurde später die klügste Frau im Dorf, bekannt für ihren Mut und ihr gütiges Herz. Wenn jemand Angst hatte, zeigte sie ihm ihre Laterne und erzählte von ihrem großen Abenteuer. Sie wusste, dass selbst die größten Herausforderungen mit ein wenig Hilfe und ganz viel Herz gelöst werden konnten. Das Leben im Dorf war voller Licht, Lachen und ein kleines bisschen Magie.

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Auch auf English: Vasilisa the Wise

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